Was braucht es für eine aktive Beteiligung älterer Menschen?
14.10.2026
Am 14. Oktober 2026 leiteten Thomas Pfluger und Annick de Buman von Connect! den Online-Stammtisch zur Frage, wie ältere Menschen erreicht und zur aktiven Beteiligung in einer Community ermutigt werden können. 25 Personen tauschten Erfahrungen aus ihrer Praxis aus und diskutierten, wie persönliche Ansprache, niederschwellige Angebote und Möglichkeiten zur Mitgestaltung die Teilhabe fördern.
Einsamkeit ist ein Gefühl, das viele Menschen kennen. Doch Menschen zu erreichen, die wenig sozial eingebunden sind, bleibt eine Herausforderung. Gesundheitliche oder finanzielle Einschränkungen können die Teilnahme zusätzlich erschweren. Im Austausch wurde deutlich: Bereits das Dabeisein ist ein wichtiger erster Schritt. Daraus können Beziehungen, Zugehörigkeit und später auch eigene Initiative entstehen.
Beispiele aus der Praxis zeigen unterschiedliche Zugänge
- Ein privat initiiertes Plauderkafi an einem öffentlichen Ort im Freien schafft zweimal im Monat einen unverbindlichen Treffpunkt im Quartier. Es kommen vor allem alleinstehende Menschen. Inzwischen bringen die Gäste selbst Kuchen oder Salziges mit und gestalten das Angebot aktiv. Für den Winter hat das Plauderkafi nun Gastrecht in den Räumlichkeiten der ref. Kirche erhalten. Man erreicht eine kleine, sehr dankbare Gruppe von Menschen mit diesem niederschwelligen Angebot.
- Bei «Let’s dine» steht das gemeinsame Essen im Mittelpunkt. Eine WhatsApp-Gruppe erleichtert die Organisation, Spiele oder Karaoke bieten weitere Gelegenheiten zum Austausch. Das Angebot verbindet Menschen zwischen 18 und 80 Jahren, darunter auch viele mit Migrationshintergrund.
- In Reinach (BL) bewähren sich kostenlose Kurzwanderungen für Menschen ab 75 Jahren. Die Gruppe trifft sich bei jedem Wetter zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Auch Männer nehmen vergleichsweise häufig an diesem geselligen Zusammensein teil.
- AREVIA ist ein innovatives Projekt aus Bern, das Menschen ab 60 Jahren anhand gemeinsamer Interessen gezielt miteinander vernetzt und durch passende Aktivitäten und Veranstaltungen die soziale Teilhabe fördert. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Gewinnung von Teilnehmenden einfacher war als erwartet und dass sich viele Menschen offen mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen. Insbesondere bei Männern besteht jedoch noch eine gewisse Zurückhaltung.
- Das Beispiel von Connect! in der Gemeinde Rapperswil zeigt, dass man viele über 76-Jährige erreichen kann, z.B. mit einer Einladung zu einem partizipativen Workshop. Über 100 Personen sind der Einladung gefolgt und haben sich aktiv an den Diskussionen zum Thema Einsamkeit beteiligt. Doch selbst mit breit angelegten Einladungen wird ein Teil der älteren Bevölkerung nicht erreicht. Hier sucht Connect nach neuen Zugängen. Eine Idee ist, über Hausärzte und Spitex vulnerable Menschen zu erreichen, denn diese Fachpersonen stehen mit Menschen in Kontakt, die sonst schwer erreichbar sind. Eine Zusammenarbeit bietet Potenzial, ist aber nicht selbstverständlich: Auftrag, Rollen und das Vertrauensverhältnis zu den betreuten Personen müssen berücksichtigt werden.
Persönliche Ansprache und Begleitung schaffen Vertrauen
- Nicht alle älteren Menschen sind es gewohnt, Wünsche zu äussern oder selbst eine Initiative zu ergreifen. Gerade in Alterssiedlungen mit Menschen über 80 zeigt sich dies. Auf konkrete persönliche Ansprache hin sind die Bewohner:innen aber durchaus bereit, etwas beizutragen.
- Aus der Altersberatung einer Gemeinde wird deutlich, wie viel Behutsamkeit, Beharrlichkeit und Vermittlung es braucht, wenn Einsamkeit zum Thema wird. Manchmal hilft es, eine Person beim ersten Besuch eines Angebots zu begleiten. Eine vertraute Begleitperson kann den Einstieg erleichtern, sollte die Angebote aber vorab kennenlernen, um zu wissen, was einen erwartet. Auch beim Besuchs- und Begleitdienst stellt sich die Frage, wie aus einer persönlichen Begleitung der Übergang in ein Gruppenangebot gelingt. Wie viel Unterstützung braucht eine Person, bis sie sich zugehörig fühlt und selbstständig teilnehmen kann? Der Ansatz für die Begleitung ist «Stützräder montieren» und schauen, wann es sie nicht mehr braucht.
- AREVIA nimmt eine grosse Bereitschaft der Zielgruppe wahr, sich aktiv in das Projekt einzubringen oder sich freiwillig zu engagieren. Dies zeigt, dass viele ältere Menschen nicht nur Kontakte suchen, sondern auch selbst zur Gemeinschaft beitragen möchten.
Hürden erkennen und weitere Menschen erreichen
- Einsamkeit ist eine Form von Nicht-Eingebundenheit; der erste Schritt ist, Leute irgendwie einzubinden.
- Wer aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen einen Verein verlassen muss, verliert unter Umständen auch einen wichtigen Teil seines sozialen Umfelds. Zugängliche und bezahlbare Alternativen sind deshalb wichtig.
- Wissen über Einsamkeit und die Sensibilisierung von Fachpersonen können helfen, genauer hinzuschauen. Auch in ländlichen Gemeinden bleibt Einsamkeit mitunter unsichtbar oder wird kaum als Thema wahrgenommen. Im Gemeinderat kommt oft die Rückmeldung, dass es in der eigenen Gemeinde keine Einsamkeit gäbe. Das macht es schwierig, mit diesem Thema zu argumentieren und den Gemeinderat für ein Projekt zu überzeugen. Doch gerade Bauern und Bäuerinnen, die in einem Weiler leben, oder auch Einfamilienhaussiedlungen mit Menschen, die viel Zeit ausserhalb des Wohnorts verbringen, sind im ländlichen Kontext eine Herausforderung, wenn es um die Stärkung der Gemeinschaft geht.
- Diese Erfahrung macht auch AREVIA und will darum in Zukunft kommunikativ stärker auf «Gemeinsamkeit» statt «Einsamkeit» setzen, um mehr Menschen zu erreichen, insbesondere auch Männer.
Mitgestaltung ermöglichen und Wirkung sichtbar machen
- Ältere Menschen sollten in Arbeitsgruppen und Entwicklungsprozessen selbst vertreten sein. Ihre Perspektiven helfen dabei, Angebote an den tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten.
- Bei partizipativen Wohnprojekten zeigte sich: Wenn Menschen erkennen, dass ihre Beiträge aufgenommen werden und tatsächlich etwas entsteht, wachsen Energie und Freude am Mitgestalten.
- Beteiligung braucht unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten. Manche Menschen möchten zunächst einfach dabei sein, andere eine konkrete Aufgabe übernehmen oder eigene Ideen verwirklichen.
- Verlässliche Treffpunkte und persönliche Beziehungen schaffen einen Rahmen, in dem Vertrauen und Eigeninitiative wachsen können.
- Man sollte versuchen, Menschen in Aktivitäten einzubinden und sie nicht zu «überfürsorgen».
Veranstaltungshinweis: Ältere Menschen erreichen
Am 27. Januar 2027 führt die Walder Stiftung eine Vorabendveranstaltung zur Frage durch, wie ältere Menschen erreicht werden können. Im Mittelpunkt steht die mobile Altersarbeit. Die Anmeldung ist ab Ende Oktober auf www.walder-stiftung.ch möglich.
Wir suchen weitere Gastgeber:innen für einen Stammtisch
Der Stammtisch ist ein Format im Netzwerk Caring Communities, das in regelmässigen Abständen stattfindet – in der Regel als Online-Stammtisch. Haben Sie ein Thema, das Sie mit anderen Personen diskutieren möchten? Dann melden Sie sich bei Fanni Dahinden. Wir unterstützen Sie dabei, stellen die Technik sicher und bewerben den Stammtisch. Sie sind Gastgeber:in, alleine, zu zweit oder zu dritt, Sie wählen ein Thema und auch Termin und Zeit. Und vielleicht überlegen Sie sich eine Einstiegsfrage. Die Erfahrung zeigt, dass an einem Stammtisch immer schnell eine Diskussion in Gang kommt. Wir freuen uns auf viele Stammtische, vielfältige Themen und gute Diskussionen.