Wie machen Caring Communities mental stark?
18.05.2026
Am 18. Mai 2026 um 17.00 Uhr gaben uns Sam Schneider, Stiftung Bonjour, und Anita Schürch, Projekt emMENTAL, beim Online-Stammtisch Einblick in zwei Praxisbeispiele, die aufzeigen, wie Caring Communities zur psychischen Gesundheit beitragen.
18 Interessierte waren beim Stammtisch dabei und sind darüber ins Gespräch gekommen, wo die Gelingensfaktoren und Stolpersteine sind und was wir von den beiden Beispielen lernen können.
Sich wohl, sicher und eingebunden fühlen im Quartier
Sam Schneider gab Einblick in das Projekt Portier der Stiftung Bonjour:
- Im Fokus standen von Anfang an verschiedene Schwerpunkte: Informationen vermitteln, Austausch ermöglichen, ein Geben und Nehmen animieren, Mitgestaltung fördern schöne Orte und Angebote sowie kulturelle Angebote zeigen.
- Dabei zeigten sich bei den angesprochenen Menschen soziale, räumliche und strukturelle, finanzielle, körperliche, emotionale, gesellschaftliche Hürden. Diese Hürden sind vernachlässigbar, wenn es einem Menschen gut geht, aber wenn man nicht so gesund ist, sind diese Hürden plötzlich gross.
- Zuerst war die Idee ein digitaler Quartier-Portier in Form einer App. Es zeigte sich aber schnell, dass es keine digitale Unterstützung braucht, sondern analoge Portiers, welche die Caring Community aufbauen, damit sich Menschen im Quartier sicher eingebunden fühlen (Begegnungsorte, Netzwerktreffen, Flyer/Infotafel).
- Eine zentrale Erkenntnis war, dass es gelingen muss, Brücken zwischen sich selbst und der Caring Community zu bauen, so dass die Informationen fliessen können. Es braucht Begegnungsorte, damit man den nächsten Schritt gehen kann.
- Zentral ist auch, den Einstieg in die Caring Community zu gestalten. Dies erwies sich als so schwierig, dass daraus ein neues Projekt entstanden ist: Der Soziale Teppich. Dieser fokussiert darauf, dass es neben der physischen und psychischen Gesundheit wichtig ist, auch sozial eingebunden zu sein.
- Eine Herausforderung zeigte sich auch beim Kontakt der Protiers mit schwierigen Schicksalen. Hier galt im Projekt «Tu nur, was dir selbst gut tut». Es wurden klare Prozesse definiert, wie man vorgeht, wenn man in eine solche Situation kommt, und an wen man sich wenden kann.
«Seit ich dabei bin, weiss ich, dass mir nichts mehr passieren kann, weil ich sich frühzeitig Hilfe holen kann.»
Anita Schürch und Manuela Grossman gaben Einblick in die Caring Community EmMental:
- Manuela arbeitete mit unterschiedlichen Menschen, die Erfahrungen mit psychischen Belastungen gemacht haben und sich einbringen wollten. Daraus ist das Projekt entstanden, mit dem Hauptfokus auf Vernetzung. Gestartet sind sie mit Netzwerktreffen, welche viel Aufmerksamkeit erzeugten. Daraus ist innerhalb von 1 Jahr das Projekt EmMental entstanden.
- Die AGs von EmMental haben selbstorganisiert und partizipativ 4 Säulen entwickelt: 1. Walk-in Beratung (immer 3er-Teams aus Fachpersonen, Angehörigen und Betroffenen); 2. Schulungs-/Weiterbildungsangebot (offen, jede Person kann etwas anbieten); 3. Offener Treff am Abend in einem Restaurant (Person mit rotem Pullover, zu der man sich dazusetzen kann); 4. Aktivitäten zur Entstigmatisierung des Themas.
- In der Caring Community EmMental fühlen sich viele Menschen aufgehoben. Die Community ist nach aussen sehr offen, Leute kommen dazu und gestalten mit. Die Teilnahme ist fluide, man kann auch wieder gehen. Von Anfang an wurde die Caring Community mitgedacht: Man wollte das Projekt lokal denken und von der Basis aufbauen, partizipativ und selbstorganisiert.
- Gelingensfaktoren: Alle Perspektiven sind überall vorhanden – im Vorstand, bei allen Angeboten. Zudem hat das Projekt viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Es zeigt sich, dass die Zeit reif ist, das Thema aufzugreifen.
- Die Community war aber auch mit Herausforderungen konfrontiert. Sie verknüpft die Fachwelt und die Zivilgesellschaft, was nicht immer einfach ist. V.a. war es schwierig, die grossen Organisationen ins Boot zu holen. Sie haben Ressourcen und behaupten, dass psychische Gesundheit bei Ihnen kein Thema ist. Evt. ist die Community für grosse Organisationen auch zu unstrukturiert und zu ungewohnt. Sie teilen zwar die Vision, wollen sich aber nicht aktiv einbringen. Zwar sind sie unterstützend und vermittelnd, aber es ist immer eine Ressourcenfrage (Geld, Infrastruktur, evt. auch Angst vor Konkurrenz). Auch wurde EmMental zu Beginn die Fachkompetenz nicht zugetraut. Dies hat sich in der Zwischenzeit geändert, die grosse Medienpräsenz war hilfreich. Eine weitere Herausforderung ist, wie sich das Projekt nachhaltig finanziell tragen lässt.
Fazit aus den beiden Praxisbeispielen: Wie gelingt der Einstieg in die Caring Community?
- Einstieg bei EmMental: Manuela hat zu Beginn alle Leute abtelefoniert, die im Entferntesten etwas mit psychischer Gesundheit zu tun haben. Daraus ist eine 15er-Gruppe entstanden (AG). Aktuell hat der Verein 45 Mitglieder, viele sind auch in den 4 Säulen tätig. Bewährt haben sich die Mund-zu-Mund Empfehlung und das grosse mediale Interesse.
- Manuela hatte ein grosses persönliches Netz von Menschen, die von diesem Thema bewegt waren und mitgestalten wollten. Das Motto war: "Wir müssen gar nichts, aber wir wollen."
- Der Treiber war das Thema und die gemeinsame Vision: Hier braucht es etwas, es muss etwas passieren. Organisationen sind sich bewusst, dass sie in Zukunft ihren Auftrag nicht mehr erfüllen können, wenn es die Caring Communities nicht gibt.
- In Basel arbeiten sie mit dem Sozialen Teppich auf der Schnittstelle zwischen Spitex und Kundschaft. Die Idee ist, dass die Organisationen, die mitmachen, den Raum aufmachen, aber nicht als Organisation, sondern als Menschen. Viele Organisationen wollen mitmachen, sie öffnen den Raum, indem sie den Leuten in ihrer Organisation erlauben, mitzumachen. Interessierte haben sich z.B. bei einer Tankstelle im Quartier getroffen, sind dann in der Umgebung rumgegangen und mit Leuten in Kontakt gekommen, die im Quartier präsent sind und wissen, was passiert.
- Menschen brauchen es, verbunden zu sein. Oft reicht das Wissen, dass sie lose verbunden sind, wöchentliche Treffen braucht es nicht.
- Expertinnen möchten mithelfen, sich einbringen, an die Gemeinschaft zurückgeben. Oft gibt es mehr Menschen, die helfen wollen, als Menschen, die Hilfe suchen.
- Bei Walk-ins werden häufig Menschen durch Fachpersonen (z.B. Spitex, Gemeinde) oder durch Menschen aus dem Verein weiterverwiesen.
- Interessant ist auch die Durchmischung der Menschen in der Caring Community. In Walk-in und ins Café kommen viele Männer, in den Kursen und im Vorstand sind es mehr Frauen.
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Der Stammtisch ist ein Format im Netzwerk Caring Communities, das in regelmässigen Abständen stattfindet – in der Regel als Online-Stammtisch. Haben Sie ein Thema, das Sie mit anderen Personen diskutieren möchten? Dann melden Sie sich bei Fanni Dahinden. Wir unterstützen Sie dabei, stellen die Technik sicher und bewerben den Stammtisch. Sie sind Gastgeber:in, alleine, zu zweit oder zu dritt, Sie wählen ein Thema und auch Termin und Zeit. Und vielleicht überlegen Sie sich eine Einstiegsfrage. Die Erfahrung zeigt, dass an einem Stammtisch immer schnell eine Diskussion in Gang kommt. Wir freuen uns auf viele Stammtische, vielfältige Themen und gute Diskussionen.